Schulabschluss im Wochenbett

"Im folgenden Artikel möchte ich von meinen ersten Wochen und Erfahrungen in der Mutter-Kind-Wohngruppe berichten.

Ich bin Annalena*, 16 Jahre alt und im April 2020 hochschwanger in die MuKi-WG eingezogen. Wie die Überschrift schon zeigt, ist in den ersten Wochen so einiges geschehen..

Ich kann euch sagen: Die Trennung von zu Hause fiel und fällt mir heute noch sehr schwer. Die Situation zu akzeptieren war nicht leicht. Ich habe mir einfach gewünscht, zu Hause zu sein.

Vorerst konnte ich mich die ersten Tage ohne Kind eingewöhnen. Nach 10 Tagen bekam ich in der Muki meinen Blasensprung und keine fünf Stunden später habe ich meine Tochter im Krankenhaus entbunden. Ich konnte mein Glück kaum fassen. 9 Monate trug ich sie in mir — „meinen Engel“ — und plötzlich hielt ich sie in meinen Armen und war „Mama“. Im Krankenhaus und in der Muki bekam ich in den ersten Tagen besonders viel Unterstützung im Umgang mit einem neugeborenen Baby, bis langsam immer mehr Sicherheit meinerseits entstand. Ich ging mit meinen Ängsten und Sorgen immer offen um und ja, ich hatte vorher noch nie Kontakt zu Babys oder andere Erfahrungen im Umgang mit ihnen sammeln können. Täglich hatte ich Angst, etwas falsch zu machen, ihr ungewollt weh zu tun oder auch einfach nur ungeschickt zu sein, so dass dem Jugendamt viel Schlechtes mitgeteilt werden würde. Die Angst, man würde mir das Kind wegnehmen, brachte mich regelmäßig zum Weinen. Viele würden vielleicht sagen, sie finden die tägliche mehrfache Kontrolle ätzend — ich sehe es jedoch anders und bin bis heute dankbar für die Unterstützung, Anleitung im Umgang mit meinem Baby und für das offene Ohr der Mitarbeiterinnen.

Nach circa zwei Wochen des Mamaseins und der langsam alltäglichen Routine mit Kind holte mich auch der Schulalltag wieder ein. Die Klasse 10 habe ich im zweiten Halbjahr aufgrund von häufigen Beschwerden in der Schwangerschaft so gut wie nie besucht. Doch im Mai standen die Abschlussprüfungen vor der Tür und ich dachte mir, ich habe ja nichts zu verlieren. Ich nahm die große Herausforderung und manchmal auch Überlastung an: Wochenbett, nachts mehrfach ausftehen, stillen, die Eingewöhnung an die MuKi und das Mamasein, die kleinen Nachwehen der Geburt und dann auch noch die Lernerei... das alles in fünf Wochen!

Gemeinsam mit meiner Bezugsbetreuerin planten wir eine tägliche Lernzeit im Wohnzimmer ein. Die Motivation und der „push“ der Mitarbeiterinnen haben mir geholfen, trotz der Doppelbelastung mein Ziel zu verfolgen. Sicherlich ging mir das Lernen oft auf die Nerven, aber ich musste auch eingestehen: Ohne die Mitarbeiterinnen in der MuKi hätte ich an den Prüfungen nicht teilgenommen. Immer wieder gaben sie mir neue Energie und unterstützten mich bei meinen Lernaufgaben. Zu den Prüfungen wurde ich mit meiner Tochter immer begleitet. Ohne sie hätte ich es auch gar nicht ausgehalten. In Absprache mit der Schule bekam ich die Möglichkeit, jederzeit den Prüfungsraum zu verlassen, sollte meine Tochter gestillt werden wollen. Eine Schulsozialarbeiterin hat währenddessen mögliche Täuschungsversuche kontrolliert.

Mitte Juni war es dann soweit. Ich habe meinen Hauptschulabschluss bestanden und mein Zeugnis mit einem Notendurchschnitt von 2,8 überreicht bekommen. Gar nicht so schlecht, für das, was alles zeitgleich passiert ist, oder? Und was ich auch weiß: Viele hätten mir das Gesamtpaket aufgrund meines Verhaltens der letzten Monate nicht zugetraut.

Nun ist der erste große Schritt erledigt und mit dem nun absolvierten Abschluss möchte ich mir und meiner Tochter eine sichere Zukunft aufbauen."

*Name geändert

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