Aus unserer Geschichte lernen!

Leid und Unrecht in der Heimerziehung in den 1950er und 60er Jahren

Evangelisches Knabenheim Westuffeln in den 1950er, 1960er Jahren
Evangelisches Knabenheim Westuffeln in den 1950er, 1960er Jahren
"Wenn Du nicht brav bist, kommst Du ins Heim!"

In der Heimerziehung der 1950er und 60er Jahre ist Kindern und Jugendlichen in unserem damaligen Evangelischen Knabenheim Westuffeln unter Mitverantwortung der von Mellin'schen Stiftung schweres Leid und Unrecht widerfahren. Die damaligen Heimkinder erlitten menschenunwürdige Demütigungen, Misshandlungen, sexuelle Übergriffe, den missbräuchlichen Einsatz von Arbeit sowie andere Hart- und Kaltherzigkeiten. Anstelle von Wertschätzung, Schutz, menschlicher Zuwendung und Wärme gab es Prügel, Angst und Schrecken. Die Folgen waren für ihr weiteres Leben oft prägend und eine schwere Last. 

Ein Rückblick: "Unser ganzer Stil war im Grunde gewalttätig...!"

Damals bestanden in Westuffeln zwei Schlafsaalgruppen für jeweils 20 – 25 Jungen. In einer Gruppe lebten die vier- bis zehnjährigen, in der anderen die zehn- bis vierzehnjährigen Kinder und Jugendlichen. Die Hausleitung lag in den Händen eines von der Diakonenanstalt Nazareth in Bethel entsandten Diakons. Ganz im Gegensatz zu dem bis 1958 tätigen "Hausvater", wurde der nachfolgende Hausleiter von den Ehemaligen sehr negativ beschrieben. Wie „abgeliefert“, mit Gefühlen tiefgehender Angst und Verlassenheit, erlebten viele Kinder ihre Zeit im Heim. Ihre kindlichen Bindungswünsche, ihr Bedürfnis nach menschlicher Wärme, Zuwendung und einem persönlichen Rückzugsbereich fanden keine Berücksichtigung. In Westuffeln herrschte oft ein "Kasernenton".

Die Gewalt auf Seiten der Erzieher und unter den Kindern war sehr hoch. Für die Betreuung einer Schlafsaalgruppe war nur ein Mitarbeiter zuständig. In der Gruppe herrschte eine hierarchische "Hackordnung" mit Prügel, Erpressungen und sexuellen Übergriffen zulasten der jeweils Schwächeren. Ein ehemaliger Diakon aus dieser Zeit resümierte: „Unser ganzer Stil war im Grunde gewalttätig… Ich war überzeugt, dass sich Akzeptanz, Disziplin, Ordnung und Ruhe nur durch Gewalt erreichen ließ.“

Ein von 1962 bis 1968 tätiger Diakon, der als Vertreter des Heimleiters vor allem für die Schlafsaalgruppe der älteren Jungen zuständig war, wurde als ein besonders „furchtbarer Pädagoge“ beschrieben. Mehrere Ehemalige schilderten von ihm ausgeführte sexuelle Übergriffe, körperliche Misshandlungen und Demütigungen.

Diese Missstände wurden durch die Rahmenbedingungen einer weitgehend "totalen Institution" begünstigt. Die Kinder hatten keine bzw. kaum Kontakte außerhalb des Heimes. Besuche durch die zuständigen Jugendämter unterblieben meist; eine Heimaufsicht fand praktisch nicht statt. Zutreffend formulierte es ein Ehemaliger so: "Wir Heimkinder waren damals vergessene Kinder."

Wir bitten um Verzeihung!

Als die heutigen Verantwortlichen erkennen wir das geschilderte massive Unrecht und das tief beschämdende Versagen unserer Vorgänger an. Uns ist bewusst, dass das schwere Leid und die oftmals lebenslangen Folgen für die Betroffenen letztlich nicht wieder gut zu machen sind. Auch die zwischenzeitlich beschlossenen materiellen Hilfen des Fond Heimerziehung und der Fachstelle für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung mögen lindern, können aber keinen Ausgleich leisten. Trotz einiger Einwände haben wir uns für diese Hilfen eingesetzt und begrüßen sie mit Nachdruck.

Wir danken allen Ehemaligen, die uns seit vielen Jahren dabei unterstützen, dass dieses dunkle Kapitel in unserer Geschichte aufgearbeit wird. Wir haben durch sie viel über die damalige Heimerziehung gelernt. Ihre Besuche in unserer Einrichtung - für manche Ehemaligen die erste Begegnung seit über 50 Jahren - gingen mitunter tief unter die Haut. Uns war wichtig, dass die Schilderungen - über die persönliche Begegnung hinaus - in angemessener Weise dokumentiert und ausgewertet wurden. Aus diesem Grund beauftragten wir in den Jahren 2006/2007 die Fachhochschule Dortmund mit der Durchführung einer Untersuchung zur "Erziehungspraxis im Evangelischen Kinderheim Westuffeln".

Auch in den Folgejahren haben wir den Kontakt zu betroffenen Ehemaligen weiterhin gesucht. In unserer Verantwortung als Nachfolger dieser "furchtbaren Pädagogik" war und ist es uns wichtig, Besuche und Begegnungen in Westuffeln anzubieten. Alle betroffenen Ehemaligen, die dieses Angebot bisher nicht kennen, möchten wir auf diesem Wege recht herzlich zu einem Besuch in unsere Einrichtung einladen. Diese Einladung schließt selbstverständlich ihre Angehörigen und andere nahestehende Personen mit ein. Für viele Ehemalige ist es wichtig, die früher genutzten Räumlichkeiten noch einmal zu sehen, auch wenn sie ihre alte Funktion längst verloren haben. Diesen Weg und unser Angebot zur persönlichen Aufarbeitung werden wir auch in Zukunft weiter fortsetzen.

Im Namen der heutigen Verantwortlichen in unserer Stiftung und Einrichtung bitten wir alle betroffenen ehemaligen Heimkinder auch auf diesem Weg um Verzeihung.

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